Prävention von Belastungen bei formalisierter Arbeit in der technischen Entwicklung

Auf einen Blick:

Technische Entwicklungsarbeit unter Normalisierungsdruck

Die Arbeitswelt verändert sich: Subjektive Fähigkeiten und Potenziale der Beschäftigten werden immer wichtiger. Man muss kreativ sein, sein Handeln selbst steuern und mit unplanbaren Situationen umgehen können; hierfür ist es notwendig, situativ zu handeln und informelle Praktiken einzusetzen. Selbstbestimmtes Handeln birgt Chancen, zieht aber auch Belastungen nach sich. Eine besondere Art der Belastung entsteht durch Techniken der Formalisierung, mit denen Unternehmen selbstverantwortliches Handeln in geregelte Bahnen lenken. So sollen Tätigkeiten zwar selbstbestimmt, aber auch dokumentierbar, begründbar und formell kommunizierbar sein. Es entsteht ein Spannungsfeld zwischen Formalisierung und informellem Handeln: Die Erfüllung der formalen Erfordernisse steht guter Arbeit entgegen. Besonders deutlich wird dies bei zwei wichtigen Arbeitsformen der Zukunft: bei der Arbeit in der Dienstleistung, in der am Menschen gearbeitet wird, und bei der Arbeit in der technischen Entwicklung, in der es um die Erfindung von Neuem geht.

Das Teilprojekt „Prävention von Belastungen bei formalisierter Arbeit in der technischen Entwicklung“ beleuchtet die Formalisierung der Innovationsarbeit in der technischen Entwicklung genauer und entwickelt hierfür einen präventiven Arbeits- und Gesundheitsschutz.

Entwicklung und Umsetzung eines präventiven Arbeits- und Gesundheitsschutzes

Mit Hilfe qualitativer Fallstudien zur Prozesssteuerung in der Entwicklungsarbeit werden die Belastungskonstellationen erhoben, die bei formalisierter Arbeit entstehen. Wenn Innovationsarbeit in der technischen Entwicklung formalisiert wird, lässt sich die Arbeit nicht mehr so leisten, dass sie den eigenen Professionalitätsstandards entspricht. Das setzt die Beschäftigten unter Druck und gefährdet ihre Gesundheit. Deshalb werden in PräFo auch Maßnahmen für einen präventiven Arbeits- und Gesundheitsschutz bei formalisierter Arbeit entwickelt: Ein partizipatives Präventionsmanagement setzt auf der Verhaltensebene an, eine situative Projektsteuerung zielt auf die Ebene der Arbeitsgestaltung. Die Arbeitsqualität wird gehoben und die Beschäftigten werden entlastet.

Ziele des Teilvorhabens im Detail:

Das Teilvorhaben "Prävention von Belastungen bei formalisierter Arbeit in der technischen Entwicklung" untersucht die Belastungen durch Formalisierung am Beispiel der Innovationsarbeit in der technischen Entwicklung von IT-Lösungen für Kunden. Ziel des Teilvorhabens ist gemeinsam mit Unternehmenspartnern die Entwicklung und Erprobung eines Präventionsmanagement mit Instrumenten für einen personen- und arbeitsproblemorientierten präventiven Arbeits- und Gesundheitsschutz sowie von Gestaltungsmaßnahmen zu dessen Förderung.

Im Rahmen partizipativer Forschung untersucht das ISF München zum einen Projektmanager und (feste wie freie) Mitarbeiter des Unternehmens M&T zur Frage der neuen Belastungskonstellationen im Rahmen technischer Entwicklungsprozesse mit darin angewandten elaborierten Methoden im Sinne einer Lerngemeinschaft. Neben der technischen Entwicklung von Embedded Systems (Software zur Steuerung von Hardwarekomponenten) übernimmt M&T im Rahmen komplexer technischer Entwicklungsprojekte beim Kunden häufig das Projektmanagement (mit agilen Prozessen) und damit eine wichtige Gestaltungsrolle, womit das Unternehmen auch zum zentralen Ansprechpartner für die bei Kundenunternehmen einzuführende situative Projektsteuerung mit dem damit verbundenen partizipativen Präventionsmanagement wird.

Die Untersuchungen werden darüber hinaus durch Erhebungen im Rahmen eines Entwicklungsprojektes in einem Kundenunternehmen vertieft. Vorgesehen ist die Untersuchung interdisziplinärer Entwicklerteams in einem großen mittelständischen Unternehmen mit ca. 5.600 Mitarbeitern, das Steuerungs- und Sensortechnik herstellt. Im Fokus des Entwicklungsprozesses steht Prozessautomation z.B. mit Blick auf Sensorik 4.0 (zukünftige Sensoriktechnologie). Die Prozessautomation weist Parallelen zur Fabrikautomation und Industrie 4.0 auf. Ein wesentlicher Unterschied besteht in der Geschwindigkeit der beiden Automationsansätze: Während bei der Fabrikautomation die schnellen Herstellungsprozesse von Produkten (Warenwirtschaft) im Vordergrund stehen, geht es in der Prozessautomation insbesondere für sicherheitskritische Anlagen der chemischen Industrie in hohem Ausmaß auch um sicherheitskritische Fragen.

Es werden Ansprechpartner der verschiedenen betroffenen Gewerke, die sich im Entwicklerteam wiederfinden müssen, mit qualitativen Sozialforschungsmethoden untersucht und Gestaltungsperspektiven ausgelotet. Neben technischen Entwicklern werden hierbei auch die Perspektiven des Projektmanagements, Produktmanagers/-verantwortlichen, Vertriebs, sowie Ansprechpartner umsetzender Bereiche in den Blick geraten (insbesondere auch mit Blick auf die Ansprüche an begrenzte formale Koordination und Wissensaustausch zwischen den unterschiedlichen Disziplinen). Die Beschäftigten werden für die Art der Belastungskonstellationen und den eigenen Umgang damit sensibilisiert und aktiv – als Experten für ihre Arbeit – in die Entwicklung und Implementierung von Maßnahmen zum Arbeits- und Gesundheitsschutz einbezogen. Die Ergebnisse werden hinsichtlich der Belastungsprofile und mit Blick auf die vor allem von M&T voranzubringende Gestaltung des partizipativen Präventionsmanagements ausgewertet. M&T wird im Rahmen des technischen Entwicklungsprojektes vor Ort die auf Basis des partizipativen Forschungsprozesses entwickelte situative Projektsteuerung mit Präventionscharakter einführen. Hierbei werden die Instrumente der Formalisierung so gestaltet, dass die notwendigen informellen Praktiken implementiert, gefördert und weiterentwickelt werden. Das ISF München führt hierzu eine begleitende Evaluation durch. Hierzu werden zusammen mit den Unternehmen und externen Experten geeignete qualitative Kriterien der problemorientierten Evaluation entwickelt und umgesetzt.

Gemeinsam mit den Umsetzungspartnern IG Metall und der DGP stellt das ISF München den Transfer der Forschungsergebnisse und Gestaltungsmaßnahmen in verschiedene Bereiche der Arbeit in der technischen Entwicklung sicher.

Die Forschungsergebnisse des ISF München zur Innovationsarbeit in der technischen Entwicklung werden in enger Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftspartner Universität Augsburg mit den Ergebnissen zur Arbeit in der Dienstleistung an der Schnittstelle mit Kunden (Interaktionsarbeit) verzahnt. Gemeinsam wird ein übergreifendes Konzept zur Prävention von Belastungen bei formalisierter Arbeit entwickelt und die herkömmlichen Gestaltungsgrundsätze für ‚gute Arbeit‘ werden dahingehend überprüft, inwieweit sie den Widerspruch zwischen Formalisierung und situativem Handeln beachten. Sie werden vom ISF München gemeinsam mit der Universität Augsburg entsprechend weiterentwickelt. Insbesondere relevant sind hier die Grundsätze des Arbeits- und Gesundheitsschutzes, der vollständigen Tätigkeit und der Kooperation. Angesprochen werden letztlich alle Tätigkeiten, die den Beschäftigten Selbststeuerung, Selbstorganisation und Selbstverantwortung abfordern.